Alles beginnt mit einer unschuldigen Begegnung zweier Nachbarinnen im Stiegenhaus. Elvira leidet an Long Covid und kommt daher die Treppen nicht hoch, Petra hilft ihr und erzählt dabei von ihrem verstopften Abfluss. Also schickt Elvira ihren Ehemann Erwin zu Hilfe - er ist Handwerker und deutlich besser für eine solche Reparatur geeignet als Petras Ehemann Andre. Er kümmert sich zwar pedantisch darum, dass jeder in der Familie gleich viel Hausarbeit leistet und es genug "Quality time" mit Petra und Tochter Lisa gibt, doch am verstopften Ausfluss ist er gescheitert.
Was als simpler Akt der gut gemeinten Nachbarschaftshilfe beginnt, artet schnell aus: Petra verknallt sich ein wenig in Erwin, weswegen Andre in ein für ihn untypisches Territorialverhalten kippt, Lisa will der kranken Elvira mit einer Social-Media-Kampagne helfen, die Elvira völlig überfordert. Und dann beginnt der laute Krach in der Wohnung von Erwin und Elvira: Falen der kranken Frau nur sehr oft Töpfe aus der Hand - oder schlägt Erwin sie?
In ihrem Stück "Nachbarn" zeichnet Christine Teichmann diese Eskalation mit einem Mix aus bitterbösem Humor und scharfkantiger Gesellschaftsanalyse nach. Unterhaltsam und am Puls der Zeit verhandelt das Stück das Dilemma des Miteinanders - und zwar nicht nur unter Nachbarn, sondern auch in der Familie. Wer sind wir, und wie viel davon bekommen die Menschen um uns mit?
Das Theater Kaendace hebt das Stück mit einer szenischen Lesung (Regie: Alexander Mitterer), die mit wenigen guten Ideen großen Effekt erzielt, aus der Taufe. Zu erleben noch heute im ART'ists in Graz. Und hoffentlich danach noch öfter.
Eine schrecklich normale Familie: Vater (Michael Brantner als kochaffiner EDVler), Mutter (Christine Teichmann als „für ihr Alter attraktive“ Genderbeauftragte), Kind (Lena Pöltl als geschäftstüchtige Influencerin). Sprich: Boomer-Eltern mit Gen-Z-Tochter - und mit kaputter Spüle. Zu deren Reparatur rückt der Nachbar aus (Alexander Kropsch als Bastler mit Long-Covid-kranker Frau und einem Gewaltproblem). In geschliffenen Dialogen zeichnet Christine Teichmann eine Eskalationsspirale nach. Das Stück steuert dabei durch eine Reihe sozialer Problemzonen. Im nachbarschaftlichen Nebeneinander spiegeln sich Untiefen und Abgründe gesellschaftlichen Zusammenlebens. So leicht hier das Lachen ist, so schwer wiegt das Scheitern der Protagonisten an ihren eigenen Werten.
Präsentiert wird „Nachbarn“ im ARTist's als szenische Lesung. Gekonnt spielt Regisseur Alexander Mitterer mit der Reduktion und schafft viel Raum für beißenden Witz. Ein packend böses Kammerspiel.
Mit Nachbarn inszeniert Alexander Mitterer vom Theater Kaendace eine szenische Lesung, die die Grenzen des Genres stark ausdehnt. Christine Teichmann, die auch den Text verfasst hat, spielt hier gemeinsam mit Lena Pöltl, Alexander Kropsch und Michael Brantner Situationen zweier benachbarter Familien nach, die unter die Haut gehen. Eigene Vor(urteile) werden hier kräftig auf die Probe gestellt - Erlösung gibt es keine.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Das ist eine der kargen Erkenntnisse, die man sich aus der Performance Nachbarn mitnehmen kann. Ansonsten werden die eigenen Glaubenssätze ordentlich durchgeschüttelt und auf die Probe gestellt. Wer sich eine gemütliche Geschichte über nettes Zusammenleben im Mietshaus erwartet hat, wird enttäuscht - und das ist auch logisch. Christine Teichmann schreibt keine Kuschelstorys; bei ihr geht es immer um viel. Gekonnt spannt sie eine Brücke von häuslichen Beziehungen und Generationenkonflikten zu Corona und anderen globalen Krisen. Auch wenn (oder gerade weil) die Protagonist:innen aus dem ganz normalen Alltag kommen und der Anlass vielleicht nur ein verstopfter Abfluss ist.
Alexander Kropsch vom Theater Quadrat, das sich sonst mit der Umsetzung literarischer Texte auf der Bühne beschäftigt, mimt in Nachbarn mit Erwin einen Ein-Personen-Unternehmer im Blaumann mit fragwürdigem Firmennamen. Anders als André (Michael Brantner), sein Nachbar, macht er sich die Hände schmutzig bei der Arbeit und hat trotzdem den Briefkasten voll unbezahlter Rechnungen. Seine Nachbarschaftshilfe ist nicht ganz freiwillig, trotzdem zieht er sie durch. Erwins Figur ist vielschichtig angelegt - man weiß nie so genau, was man von ihm halten soll, eigentlich könnte es ganz einfach sein. Konzentriert und lakonisch spielt Alexander Kropsch die Rolle des zunächst anzüglich daherkommenden Machos. Tatsächlich ist man im Laufe des Stücks mehr vor den eigenen dunklen Seiten abgestoßen als vor denen des grantigen Handwerkers. Außer einem schmierigen Firmennamen, seltsamen Geräuschen und dem mehrfach geäußerten Unwillen, sich selbst eine warme Mahlzeit zuzubereiten, kann man ihm eigentlich nichts anlasten. Eine verurteilenswerte Tat, die vor den Augen des Publikums ausgeführt wird, leistet sich der links-liberale Nachbar André. Und auch hier ist man sich nicht so sicher, ob seine Tochter Lisa (Lena Pöltl) die Ohrfeige nicht verdient hat. Michael Brantner kommt aus der Impro-Ecke und schafft es, mit unaufgeregtem Spiel und viel Mut, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der zwischen stereotypen Rollenbildern und Moderne hin- und herpendelt. Sei es Zynismus, Faulheit oder Unwillen - er kann eben schlecht aus jener Haut, in die er hineinerzogen wurde.
Lena Pöltl füllt in ihrer Rolle als Andrés und Petra Tochter Lisa alle Vorurteile gekonnt aus, die man über die angeblich arbeitsunwillige und vergnügungssüchtige Gen Z so kennt. Geschickt fügt sie jedoch kleine, feine Meldungen und Agitationen in die Handlung ein, in denen ein junger Mensch durchblitzt, der noch über ein feines, intrinsisches Gespür für Ungerechtigkeiten verfügt. Anders als ihre Mutter Petra (Christine Teichmann) vertritt sie eine eigene Auffassung von Feminismus, der man nur schwer etwas entgegensetzen kann - auch wenn es schmerzt. Petra, eine liebenswürdige und um Hilfsbereitschaft bemühte Frau, scheint die einzige Figur zu sein, die die Dinge regelmäßig hinterfragt - so richtig weiter kommt sie damit aber auch nicht, denn Fragen allein ist oft zu wenig. Ein wenig unheimlich ist auch die Figur der Elvira, Erwins Ehefrau, die an Long Covid leidet. Es wird sehr viel über sie gesprochen, und fast jede und jeder hat eine Meinung darüber, was ihr guttun würde. Direkt auf ihre Bedürfnisse ansprechen tut sie niemand - zumindest bekommt man das nicht mit. Nachbarn ist ein Stück, das mit einfachen dramatischen Mitteln und barrierefreier Alltagssprache grandioses Kopfkino erzeugt. Obwohl die Texte nur abgelesen werden, fühlt man sich mitten in einer Mietskaserne mit dünnen Wänden, mitten im unheilvollen Geschehen. Aufgefrischt wird der inhaltlich düstere Text durch erstklassige Wortspiele und pointierte Redewendungen. Eine Moral gibt es in der Geschichte nicht - außer jener, dass man vielleicht in der Realität besser mit dem Bauchgefühl durchkommt. Aber wer hat schon die Zeit, darauf zu hören …